18. Juli 2022 - Lena Kuder

Wir sollten Farbe bekennen

Lion Feuchtwanger, Klaus Mann, Alfred Döblin und etliche weitere Schriftsteller sind 1933 nach Paris gezogen. In Deutschland gewann die NSDAP nach dem Ende der Weimarer Republik immer mehr Zulauf. Schriftstellern wurde von nun an verboten, ihre Bücher zu veröffentlichen, wenn sie darin Kritik an den Nationalsozialisten übten. Im Mai 1933 erfuhren etliche von ihnen, dass ihre Werke verbrannt werden sollten. Um überleben zu können, entschieden sich viele von ihnen für das Exil. Geächtete Schriftsteller wie Kurt Tucholsky wurden gar ausgebürgert.

Schriftsteller und Künstler zeigten sich besorgt über Zensur, Sprachregelung und Gleichschaltung. Während also in Deutschland entartete Kunstwerke in Kellerräumen landeten, gründeten einige Publizisten in Paris Exilmedien. Hunderte Zeitschriften wie etwa die Freie Presse, der Aufbau oder Die Neue Weltbühne erschienen zwischen 1933 und 1945 ausserhalb Deutschlands. Ihre Erscheinungsdauer überschritt selten den Zeitraum eines Jahres. Hunderte von Filmschaffenden, Regisseuren, Drehbuchautoren, Schauspielern, Kameramännern, Technikern und Schnittmeistern verliessen ebenfalls das Deutsche Reich.

War zunächst das europäische Ausland ein wichtiger Zufluchtsort für sie, wurden die USA nach dem Beginn des Krieges in dieser Hinsicht zunehmend bedeutsam. Billy Wilder beispielsweise siedelte 1933 nach Paris über; ein Jahr später konnte er in die Vereinigten Staaten einreisen. Viele versuchten, im Aufnahmeland eine neue künstlerische Existenz aufzubauen. Doch sobald die Publizisten und Schriftsteller im Exil waren, verloren sie ihre Leserschaft, ihre Einkünfte, ihren Sprachraum, ihr ganzes Lebensumfeld. In den Zufluchtsländern fanden sie – aus sprachlichen Gründen, aber auch auf Grund der strikten Einwanderungsgesetze – kaum Arbeitsmöglichkeiten. Sie hatten sich von Deutschland abgewandt und wurden gleichwohl als Deutsche oft misstrauisch betrachtet in einer Welt, die dem Deutschen nicht mehr gewogen war.

Bei einigen Intellektuellen hatte das Erstarken des Nationalsozialismus den Effekt, dass sie in ihrem Heimatland selbst nur noch im Camouflage-Stil schreiben konnten. Kritik am Faschismus streuten sie somit verschlüsselt in ihre Texte. Einige zogen sich in ein inneres Exil zurück und verstummten, andere schrieben nur noch unter Pseudonym oder prostituierten sich, indem sie kräftig die Hitlersche Propagandatrommel rührten.

Oft stellte ich mir die Frage, weshalb es Intellektuelle mit Weitblick nicht geschafft haben, den Nationalsozialsmus aufzuhalten und Hitler von seinem Sockel zu stossen. Für meine Diplomarbeit wühlte ich in Geschichtsarchiven, las Zeitungsartikel und schaute mir Dokumentarfilme an. Dabei ergab sich das Bild, dass ein Grossteil der kritischen Intellektuellen keine andere Wahl hatte, als ins Exil zu gehen. Im Pariser Exil war jedoch der Zusammenhalt eher dürftig. Es war schwierig, Exilmedien herauszugeben. Schriftsteller wie Alfred Kantorowicz entschieden sich mit Kriegsbeginn im Jahr 1939, von Paris in die USA zu emigrieren.

Spannt man den Bogen zur Gegenwart, so lassen sich einige Parallelen ziehen. Wieder sind kritische Wissenschaftler und Journalisten in Deutschland unerwünscht. Der Immunologe Dr. Stefan Hockertz lebt inzwischen in der Schweiz und der Journalist Ken Jebsen ist ebenfalls ins Ausland geflohen.

Inzwischen haben sich weltweit Gruppen von Corona-Exilanten gebildet. Im Vergleich zu den Journalisten und Schriftstellern im Pariser Exil sind wir heute in der glücklichen Lage, uns über das Internet vernetzen und so alternative Medien nutzen zu können. Die Widerstandsbewegung muss wachsen. Jeder nicht geschriebene kritische Artikel, jedes nicht publizierte aufklärende Buch stärkt den Rücken der «herrschenden Elite».

Ich habe grossen Respekt gegenüber jenen Personen, die sich in den 1930er Jahren dazu entschieden, Deutschland den Rücken zu kehren, weil sie sich nicht kaufen lassen wollten. Darum geht es heute um so mehr. Ganz gleich ob alternative Lebensformen, Schulen, unabhängige Medien oder kritische Schriftsteller – wir sollten, genau wie die Exilanten damals, Farbe bekennen und kritische Geister unterstützen.

Herzlich,

Lena Kuder

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