15. Juni 2022 - Konstantin Demeter

Wir Europäer, die Unterentwickler

Wir schreiben Freitag, den 13. Die Sonne hat sich schon hinter dem Horizont versenkt. Im karibischen Britisch-Guyana hat die Regenzeit begonnen und es ist schwül. Walter und sein Bruder Donald fahren durch die Strassen im Süden der Hauptstadt Georgetown; plötzlich ein lauter Knall, dann Stille. Eine in Walters Walkie-Talkie versteckte Bombe ist im Inneren des Fahrzeugs explodiert. Donald überlebt, Walter nicht.

So tragisch endete im Juni 1980 das Leben eines guyanischen Revolutionärs – ein Hoffnungsträger für alle unter dem neokolonialistischen Joch leidenden Menschen: Dr. Walter Rodney. Er wurde 38 Jahre alt.

Der Historiker und politische Aktivist war eine Art sanfter, gewaltloser, schwarzer Che Guevara – intelligent, eloquent und charismatisch, hatte er eine Mission: Dazu beizutragen, Guyana und den Rest der Karibik sowie Lateinamerika und Afrika von der westlichen Unterdrückung zu befreien. Kein Wunder, dass beide dasselbe Schicksal ereilte.

Rodney promovierte in afrikanischer Geschichte an der School of Oriental and African Studies in London. Doch anders als die meisten Schwarzen, die in Europa oder den USA «gezüchtet» werden, um dann als westliche Handlanger in ihre Ursprungsländer zurückzukehren, wendete sich Rodney gegen die Neokolonialherren.


Dr. Walter Rodney. Quelle: National Security Archive

Von 1966 bis 1974 lehrte Rodney an der Universität von Dar es Salaam in Tansania. Dort unterstützte er die sozialistische Regierung von Julius Nyerere und trug zu dem bei, was die beninische Historikerin Amzat Boukari-Yabara als «die Entstehung dekolonisierter afrikanischer Sozialwissenschaften» bezeichnet. Rodney sprach Swahili und teilte sein Wissen auch über die akademische Welt hinaus in den Dörfern Tansanias.

Als er Mitte der 1970er Jahre nach Guyana zurückkehrte, schloss er sich der sozialistischen Organisation Working People’s Alliance (WPA) an, um gegen die Diktatur von Linden Forbes Burnham zu kämpfen. Nach dem Attentat auf ihn wurde sofort Forbes Burnhams Regime verdächtigt. Derselbe Forbes Burnham, der 1964 mithilfe der CIA an die Macht kam, indem der damalige Premierminister Cheddi Jagan gestürzt wurde. Schon John F. Kennedy liess 1962 verlauten, er wolle in Guyana kein zweites Kuba.


Walter Rodneys Fahrzeug nach dem Attentat, 1980. Quelle: Guyana Under Siege

Das Attentat auf Rodney war das jüngste in einer ganzen Reihe von Morden, Inhaftierungen und Folter von echten oder vermeintlichen Oppositionellen. Nach über 40 Jahren und mehreren Untersuchungen verkündete die Regierung von Guyana im Juni 2021 ihre historische Entscheidung, die Verantwortung für die Ermordung von Dr. Rodney anzuerkennen und eine Reihe von Massnahmen zur Wiedergutmachung des historischen Unrechts zu ergreifen.

Warum ich darüber schreibe? Zum einen, um einem von der Geschichte fast getilgten Revolutionär die Ehre zu erweisen und dazu beizutragen, ihn aus der Vergessenheit zu heben. Zum anderen, weil Afrika besonders unter den Kriegs- und «Pandemie»-bedingten Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Energie und den gestörten Lieferketten leidet. In einem früheren Newsletter hatte ich schon auf die Macht der Lebensmittelkonzerne hingewiesen und auf die Abhängigkeit, welche dadurch auf beiden Seiten der Kette entsteht – bei den Landwirten und bei den Konsumenten.

Und Walter Rodney hat uns eben eine Perle hinterlassen, um genau zu verstehen, weshalb insbesondere Afrika in diese wirtschaftliche Abhängigkeit gebracht wurde und mehrheitlich weiterhin bleibt: sein Buch «How Europe Underdeveloped Africa». Afrika ist nicht unterwickelt und braucht unsere Hilfe, um auf die Beine zu kommen, im Gegenteil: Wir Europäer haben den Kontinent unterentwickelt, so die These.

Von der vorkolonialen Zeit bis zum Ende der 1960er Jahre zeigt Rodney anhand detaillierter Analysen auf, wie die europäischen Mächte die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen Afrikas zerstört haben, um sie dann in ihrem Interesse neu zu gestalten. Denn an vielen Orten war Afrika vor der Kolonialzeit wesentlich entwickelter als uns vorgemacht wird. So nennt Rodney in seinem Buch zerstörte Reiche, von denen manche noch nie gehört haben:

«...es muss darauf hingewiesen werden, dass der Kolonialismus die [den Kapitalismus und Sklavenhandel] überlebenden Feudalstaaten Nordafrikas gewaltsam zerschlug; dass die Franzosen die grossen muslimischen Staaten des Westsudan sowie Dahomey und die Königreiche in Madagaskar auslöschten; dass die Briten Ägypten, den mahdistischen Sudan, Asante, Benin, die Yoruba-Königreiche, Swasiland, Matabeleland, die Lozi und die ostafrikanischen Seekönigreiche als grosse Staaten eliminierten; (…) dass eine Vielzahl kleinerer und wachsender Staaten von den Belgiern, Portugiesen, Briten, Franzosen, Deutschen, Spaniern und Italienern vom afrikanischen Kontinent getilgt wurden. Diejenigen, die zu überleben schienen, waren blosse Marionettengebilde.»

Auch wenn sich seit der Veröffentlichung des Buches im Jahre 1972 einiges verändert hat – insbesondere das Auftauchen des neuen Spielers China und die Digitalisierung – ist das Buch noch brandaktuell.

Doch die Afrikaner haben aus ihrer Geschichte gelernt. So haben sich zum Beispiel einige Länder der Covid-Diktatur widersetzt, wie Tansania. Und ihnen verdanken wir es insbesondere, dass der «Pandemie-Pakt» der WHO (noch) nicht zustande gekommen ist.

Wenn der Teufel im eigenen Haus sitzt, ist er manchmal schwerer zu erkennen.

Herzlich

Konstantin Demeter

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