16. März 2022 - Susanne Schmieden

Keine Angst vor den Ängsten

Als vor ziemlich genau zwei Jahren das grosse Corona-Theater begann und der erste Hausarrest für die Gesamtbevölkerung beschlossen wurde, hatte ich gerade eine Doktorarbeit abgeschlossen und verteidigt, die sich mit – nun ja, das ist kein Scherz – Politik und Theater befasste. Ich konnte nicht fassen, was sich da vor meinen und aller Augen abspielte.

Ich hatte buchstäblich keinen Plan mehr und das Gefühl, in einem richtigen Film gelandet zu sein. Zugegeben, ein wenig cineastische Faszination war irgendwann auch dabei.

Einige Zeit zuvor habe ich ausserdem begonnen, Tango zu tanzen. Dabei dämmerte mir sofort: Weniges steht der «Neuen Normalität» respektive der von grössenwahnsinnigen und biophoben Senioren verordneten Kollektivneurose so sehr entgegen wie das Tangotanzen, ein in einer Umarmung (oft mit einem Fremden) getanzter Dialog zu Musik. Der Tanz der Herzen. Von daher war klar, was von nun an zu tun war: Tanzen.

Und das habe ich, mit nur wenigen Unterbrechungen, die gesamten zwei Jahre auch gemacht. Ohne Masken, ohne Tests, ohne vorheriges Spritzen, ohne Zertifikate. Ja, das war möglich. In der Schweiz, meinem geschätzten Exilland, vielleicht besser als anderswo. Ich weiss, dass es auch an vielen Orten der Welt ging. Weil die Menschen es wollten.

Zwei Jahre später tanze ich natürlich immer noch. Hoffentlich sogar besser als damals, aber darauf kommt es gar nicht so sehr an. Viel wichtiger ist, dass in dieser Zeit das genaue Gegenteil von dem passiert ist, was versucht wurde uns aufzuzwingen: Nähe, Freude, Bewegung, Umarmungen, Verbindung, Gemeinschaft, und das zum Teil mit Menschen, die ich vorher noch gar nicht kannte oder allenfalls aus der Ferne.

Nun arbeite ich seit rund vier Monaten mit Menschen zusammen, die ich ebenfalls vorher nicht kannte, und lange Zeit nur vom Bildschirm. Darüber bin ich froh und noch immer fasziniert von all den Ideen und dem Teamgeist zwischen zunächst Fremden und denkbar unterschiedlichen Charakteren.

Seit Anfang März sind wir eine Genossenschaft. Auch das lag – wie der Tango – nie im Bereich dessen, was ich für mein Leben geplant hatte. Beides kam mir entgegen, in Gestalt von Menschen und gemeinsamen Interessen, von denen ich zum Teil lange Zeit gar nicht wusste, dass ich sie habe.

Derlei Geschichten aus den letzten zwei Jahren gibt es zuhauf. Weil wir uns als Genossenschaft und Redaktionsteam entschlossen haben, uns mehr auf die hellen Momente, das Schöne und das Mutige zu konzentrieren – ohne dabei die Augen vor den Hinter- und Abgründen und den Fakten zu verschliessen, die uns nach wie vor, nun in neuer Gestalt, entgegentreten und wieder Ängste schüren – möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, hiermit ermuntern, dem Unbekannten und Unverhofften die Arme zu öffnen.

Und gegebenenfalls zu tanzen. Dazu wird es immer Gelegenheiten geben. Der Tango ist nicht im Salon entstanden, sondern auf der Strasse, im Untergrund, am Rande der Gesellschaft. Er lehrt uns nicht zuletzt die Kunst der gemeinsamen Improvisation. Und die Umarmung des anderen, unabhängig von seinem Status, seiner Nationalität, seiner politischen Meinung.

«Der andere ist nicht mein Feind, er ist keine Gefahr für mich, sondern die Quelle meiner Freude und meines Lebenssinns.»
Gunnar Kaiser, Der Kult

Mit einer Spende helfen Sie uns dabei, weiterhin hinter die Kulissen des Polit-Theaters zu blicken, andere zum gedanklichen Tanz aufzufordern und zumindest ein paar Ängste fortzujagen.

Herzlich (Abrazo)

Susanne Schmieden

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