24. April 2022 - Wiltrud Schwetje

Gesichter der Hoffnung

Der 20. April 2022 war in Spanien der «Tag der Wahrheit»: die Maskenpflicht in Innenräumen fiel. Allerdings mit mehr Ausnahmen als Zugeständnissen, wie es in einer anständigen Diktatur des 21. Jahrhunderts zu erwarten war.

Deshalb bin ich mit gemischten Gefühlen zu einem Ausflug an den Atlantik gestartet. Zum ersten Mal ohne Picknick, denn auf meinem Plan stand: irgendwo in einem Restaurant die Maskenlage testen.

Schon auf dem Weg ans Meer konnte ich einige Eindrücke sammeln. Im ersten Dorf, das ich durchkreuzte, kam gerade ein Maskierter aus dem Rathaus. Theoretisch müsste auch dort Maskenfreiheit bestehen, doch könnte es sein, dass korrupte Politiker auf ihr Hausrecht pochen und ihre Bürger weiterhin drangsalieren. Möglich ist natürlich auch, dass es sich nur um einen begeisterten Masken-Fan handelte.

Am nächsten Kreisverkehr das erste Polizei-Schlachtschiff: Fahrer vermummt, Beifahrer nicht. Sollte man das als Zeichen werten? Dass 50 Prozent unserer «Freunde und Helfer» – wie man sie in Deutschland vor dem Virusalarm mal nannte – in der Lage sind, hinter die Kulissen zu blicken? Das wäre schon mal ein Schritt voran.

Allerdings befürchte ich, dass mehr als die Hälfte unserer spanischen Polizisten im Corona-Kurs durchgefallen sind: Mit gesundem Menschenverstand, logischem Denkvermögen und kriminalistischem Spürsinn sind nicht alle gesegnet. Man darf auch nicht zu viel erwarten, schliesslich sind das keine Grundvoraussetzungen für den Job. Hauptsache man weiss, wie man Befehle befolgt. Hinzu kommt: Macht ist verführerisch.

Ebenso erschreckend: Viele Menschen tragen die ungesunde Windel weiterhin an der frischen Luft, auch die maskierten Autofahrer sind nicht von der Bildfläche verschwunden.

All diejenigen, die ihrem «Sicherheitsanker» so verfallen sind, sei der Blick in eine aktuelle britische Studie angeraten, bei der die Forscher im Lungengewebe lebender Menschen Mikroplastik-Partikel fanden. Der Zufall: Sie bestehen genau aus den Materialien, die für die Herstellung von OP-Masken verwendet werden.

Am Meer ist es ausserhalb der Saison immer toll. Die andalusische Atlantikküste ist bildschön; je weiter man sich von der Zivilisation entfernt, umso besser. Die Weite des Horizonts, das Rauschen des Meeres, ein Sprung ins eiskalte Wasser – super!

Dann die Herausforderung für mich: das Mittagessen. Seit März 2020 war ich exakt fünfmal in einem Restaurant. Und immer nur, weil Freunde mich ins Schlepptau nahmen, niemals aus eigenem Antrieb. Meine Erfahrung: Selbst wenn die Runde nett und das Essen gut war, bin ich schlecht gelaunt aus den Läden wieder raus.

Die maskierten Kellner haben mich fertiggemacht. Auch diese ganzen perfekt «immunisierten» Gäste, die wie ferngesteuert den völlig unlogischen Regierungsanweisungen folgten, das Sklavensymbol nur am Tisch abzunehmen und es vor dem Gang zum Klo wieder aufzusetzen, taten meinen Nerven nicht gut.

Doch zurück zum Testlauf. Mein Zielobjekt war ein einfaches Lokal im Hafen von Barbate. Ein Wort reicht: Grossartig! Nette lächelnde Kellner, Gäste fast alle unvermummt – in anderthalb Stunden nur ein FFP2-Fan und zwei Typen, die an der Bar standen und ihre OP-Windel wohl aus lauter Gewohnheit am Hals hängen hatten. Der Wermutstropfen: Es gab keinen Kaffee.

Ermutigt durch die positive Erfahrung habe ich den gleich woanders getrunken. Meinen zweiten Versuch machte ich an einem Aussichtspunkt mit Blick auf Marokko. Da dieser sehr touristisch ist, hätte ich Maskentheater erwartet. Die Überraschung: Sowohl Kellner als auch Gäste zeigten Gesicht.

Aber nicht alle hatten am «Tag der Wahrheit» so viel Glück wie ich. Am Abend schrieb mir eine Freundin: «Ich bin fassungslos ob der Dummheit der Menschen. Jetzt sieht man es ganz deutlich: Wir sind bei Leroy Merlin [Baumarkt] und mehr als die Hälfte der Leute hat den Lappen im Gesicht.»

Sagen wir es mal so: Es ist noch Luft nach oben!

Herzlich

Wiltrud Schwetje

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