16. September 2022 - Konstantin Demeter

Dreck am Zepter

Gott schütze die Königin, das faschistische Regime (…) Gott schütze die Königin, denn Touristen sind Geld, und unsere Galionsfigur ist nicht, was sie scheint. Sex Pistols

Das Gesicht Grossbritanniens hat sich innerhalb von zwei Tagen verändert. Aus einer Königin und einem Premierminister ist ein König und eine Premierministerin geworden. Der Tod von Queen Elizabeth II beherrscht nun die Berichterstattung der Mainstream-Medien – mit viel Lob und kaum Kritik. Allenfalls wird gefragt, ob die Monarchie als anachronistische Institution noch seine Berechtigung hat.

Selbstverständlich darf man Elizabeth II nicht die alleinige Schuld für die Schattenseiten der britischen Politik der letzten 70 Jahre in die Schuhe schieben. Eine gewisse Verantwortung trägt sie dennoch, wenngleich der britische Monarch heute offiziell vor allem eine symbolische Rolle hat. Zwar muss der Monarch von der Regierung verabschiedete Gesetzesentwürfe absegnen, doch seit 1708 hat keiner seine Zustimmung verweigert.

Allerdings war das vielleicht auch nie nötig, denn der Monarch darf Lobbyarbeit zur Änderung von Gesetzesentwürfen betreiben. Und Einfluss hat er allemal, nicht nur in Grossbritannien. So spielte Elizabeth II zum Beispiel eine Rolle bei der Absetzung des australischen Premierministers Gough Whitlam im Jahre 1975.

Unter der allgegenwärtigen Glorifizierung bildet die Historikerin Maya Jasanoff eine löbliche Ausnahme. In der New York Times schrieb sie über Queen Elizabeth ll in einem Gastkommentar:

«Die Königin trug dazu bei, eine blutige Geschichte der Entkolonialisierung zu verschleiern, deren Ausmass und Hinterlassenschaften noch nicht angemessen gewürdigt wurden.»

Sie weist darauf hin, dass Elizabeth II in ihrer Weihnachtsbotschaft von 1953 betonte: «Das Commonwealth hat keine Ähnlichkeit mit den Imperien der Vergangenheit.» Jasanoff macht hingegen klar:

«Das Commonwealth war die Fortsetzung des Imperiums und ein Instrument zur Wahrung des internationalen Einflusses Grossbritanniens.»

Die Historikerin erinnert an ein paar Vorfälle. 1948, als Grossbritannien in Malaya den Ausnahmezustand ausrief, um kommunistische Guerillas zu bekämpfen, setzten die britischen Truppen Taktiken zur Aufstandsbekämpfung ein, welche die US-Amerikaner in Vietnam nachahmen sollten. Als 1952 der Gouverneur von Kenia den Ausnahmezustand verhängte, um die antikoloniale Bewegung der Mau Mau zu unterdrücken, trieben die Briten Zehntausende von Kenianern in Internierungslagern zusammen und folterten sie systematisch.

1955 auf Zypern und 1963 im Jemen wurden Zivilisten gefoltert, als britische Gouverneure ebenfalls den Ausnahmezustand ausriefen, um antikoloniale Angriffe abzuwehren. Wie Jasanoff anmerkt, erklärte sich die britische Regierung 2013 bereit, als Reaktion auf eine Klage von Folteropfern im kolonialen Kenia fast 20 Millionen Pfund Schadensersatz an Überlebende zu zahlen. Eine weitere Auszahlung erfolgte 2019 an Überlebende in Zypern.

In der Zwischenzeit hätten die Unruhen in Irland die Dynamik des Ausnahmezustands in das Vereinigte Königreich gebracht, so Jasanoff. Dort hätten ausserdem während der Regentschaft von Elizabeth II die sozialen und regionalen Ungleichheiten zugenommen und London sei zu einem Zufluchtsort für superreiche Oligarchen geworden.

Beides überrascht nicht, denn in dieser Zeit wurde das britische System von Steuerparadiesen und Trusts zur Steuerflucht massiv ausgebaut. Persönlich hatte die Queen davon keinen Nutzen, da sie rechtlich gesehen von der Steuer befreit war – wobei sie seit 1993 freiwillige Zahlungen leistete, wie auch der jetzige König Charles. Die Einzelheiten sind jedoch geheim.

Grossbritannien ist unter anderem auch mitverantwortlich für das Massaker einer Million Menschen in Indonesien im Jahre 1965 sowie für die Putsche im Iran und in British-Guayana im Jahre 1953. Auch unterstützte das Land zahlreiche repressive Regime sowie den radikalen Islamismus.

Zu erwähnen ist auch die Geschichte um die Insel Diego Garcia, strategisch wichtig mitten im indischen Ozean gelegen. Während des Entkolonialisierungsprozesses behielten die Briten die Kontrolle über die Chagos-Inseln, zu welchen Diego Garcia gehört. Sie wurden 1965 zum Britischen Territorium im Indischen Ozean (BIOT) ernannt – ohne parlamentarische Zustimmung durch eine geheimnisvolle Gruppe, die sich Privy Council nennt, wie der australische Journalist John Pilger in seinem Buch «Freedom Next Time: Resisting the Empire» feststellt. Ihre Zustimmung habe indes die Königin gegeben.

Der Grund war, dass die USA auf der Insel eine Militärbasis errichten wollten. Daher «verpachtete» ihnen Grossbritannien 1966 die Inselgruppe für 50 Jahre, mit einer automatischen Verlängerung um 20 Jahre. Das einzige Problem: Auf Diego Garcia lebten etwa 2000 Menschen. Auf grausame und hinterlistige Art und Weise entvölkerten die Briten also die Insel.


Kundgebung der Chagos-Insulaner 2018 in London. Quelle: UK Chagos Support Association

Die Bewohner wurden rund 2000 Kilometer entfernt auf den Seychellen und auf Mauritius ausgesetzt, ohne Hilfe. Pilger zufolge geschah all dies so heimlich, dass sowohl das britische Parlament als auch der US-Kongress fast zehn Jahre lang nichts davon wussten und kein Journalist die Vorgänge aufdeckte. Gemäss Artikel 7 des Internationalen Strafgerichtshofs ist die Zwangsdeportation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dennoch kämpfen die «Chagossians» noch heute dafür, in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen.

«Camp Justice», wie die Basis früher informell genannt wurde – heute «Camp Thunder Cove» – ist einer der vier grössten ausländischen Militärstützpunkte der USA. Von dort aus starteten US-amerikanische Kampfflugzeuge in die Kriege im Irak, in Afghanistan, in Syrien und in Afrika, an denen sich auch Grossbritannien beteiligte.

Weiter sind die Machenschaften des britisch-niederländischen Ölgiganten Shell in Nigeria festzuhalten, darunter die Hinrichtung des Aktivisten und Schriftstellers Ken Saro-Wiwa und acht weiterer Anführer des Ogoni-Stammes. Shell hatte sich 2009 bereit erklärt, 15,5 Millionen Dollar zu zahlen, um ein Gerichtsverfahren beizulegen, in dem das Unternehmen beschuldigt wurde, an Hinrichtungen beteiligt gewesen zu sein. Abgesehen von der britischen Unterstützung der Regierung in ihrer ehemaligen Kolonie, erhielt Königin Elizabeth von Shell beträchtliche Dividenden.

Jasanoff hält Elizabeth II unter anderem zugute, dass sie sich für eine härtere Gangart gegenüber dem Südafrika der Apartheid einsetzte. Der Historikerin zufolge werden wir allerdings vielleicht nie erfahren, was die Queen über die in ihrem Namen in vielen Ländern begangenen Verbrechen wusste. Kolonialbeamte hätten viele Aufzeichnungen vernichtet, die laut einer Mitteilung des Staatssekretärs für die Kolonien «die Regierung Ihrer Majestät in Verlegenheit bringen könnten». Andere Dokumente hätten sie absichtlich in einem Geheimarchiv versteckt, dessen Existenz erst 2011 bekannt wurde.

Resümierend, im Sinne des Titels von Jasanoffs Beitrag: Man mag um die Queen trauern, doch nicht um ihr Imperium.

Herzlich

Konstantin Demeter

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