25. Oktober 2022 - Torsten Engelbrecht

Antisemitismus- und Rechtsvorwurf sind selber faschistoid

Israelkritik per se ist kein Antisemitismus. Auch Zionismuskritik nicht. Denn Judentum, Zionismus und Israel sind als Kategorien auseinanderzuhalten. Wenn man also die Kritik an Israel als antisemitisch markiert, begeht man nicht nur eine Begriffsverfehlung, sondern ignoriert auch die Tatsache, dass viele Juden sich längst nicht mehr mit dem Staat Israel solidarisieren können und meinen, gegebenenfalls den Zionismus insgesamt hinterfragen zu sollen. Moshe Zuckermann

Gerade die Menschen, die die Covid-Politik kritisiert haben, kennen ihn nur zu gut: den Antisemitismusvorwurf. Er könnte – man muss es so klar sagen – leidlicher nicht sein, lautet er doch, man mache sich mit Nazis, Antisemiten und Rechtsradikalen gemein oder sei gar selber einer, wenn man das Corona-Narrativ in Frage stellt.

Selbst so jemand wie Nena blieb von diesem vielleicht extremsten aller möglichen Anwürfe nicht verschont. Dabei hatte sie sich Ende März 2021 lediglich mit einem «Danke Kassel» mit denen solidarisch gezeigt, die in der hessischen Stadt gegen die Lockdown-Massnahmen protestiert hatten. Absurder geht es kaum, kann man da nur beklagen. Das betonte auch das Management des Superstars:

«Nena hat sich bei den Menschen in Kassel bedankt, die mit der derzeitigen Politik und den unmenschlichen Zuständen, die hier herrschen, nicht einverstanden sind und dafür auf der Strasse waren. Die Behauptung, Nena würde sich mit ‹Chaoten› und ‹Rechten› gemeinmachen, ist absurd und ein Schlag ins Gesicht der Tausenden friedlichen Menschen, die dort demonstriert haben.»


Quelle: welt.de

Absurder könnte dieser Anwurf deshalb kaum sein, weil von Beginn an klar war, dass die Gemeinde der Kritiker der Corona-Politik zum ganz überwiegenden Teil überhaupt nicht in der rechten bzw. rechtsextremen Ecke zu verorten ist. Dies zeigten einem nicht nur die unzähligen persönlichen Begegnungen mit Menschen aus dieser «Szene».

Auch hatten Rechtsextreme sogar nach Einschätzung des deutschen Verfassungsschutzes(!) keinen prägenden Einfluss auf die erste Grossdemo in Berlin Anfang August 2020. Darüber berichtete kurz nach den Megaprotesten in der Bundeshauptstadt sogar ein so «etabliertes» Medium wie die FAZ. Und trotzdem wird der Vorwurf immer noch hervorgeholt ...


Quelle: faz.net

Von diesem Antisemitismusanwurf sind leider auch bei weitem nicht «nur» die Kritiker der Corona-Politik betroffen. Aktuell ereilt dieser die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, die kürzlich mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Der eingangs zitierte Moshe Zuckermann, der als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv aufwuchs und dort am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete, kommentiert dazu in einem aktuellen Beitrag für das Overton-Magazin:

«Da war er wieder, der pawlowsche Reflex. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, reagierte ‹verstört› auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an die französische Schriftstellerin Annie Ernaux: Die Auszeichnung sei ‹ein Rückschlag für den weltweiten Kampf gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit› … Es ist, offen gestanden, ermüdend, auf derlei Automatismen immer wieder reagieren zu müssen. Denn mit rationalen Argumenten ist solchen politischen Indignationen nicht beizukommen.

Eingefleischte Vorurteile und damit einhergehende Ideogiebildungen lassen sich nicht leicht überwinden, weder von ihren Trägern noch von der öffentlichen Sphäre, die sie rezipiert und sich zu eigen gemacht hat.

Israelkritik per se ist kein Antisemitismus. Wenn man also die Kritik an Israel als antisemitisch markiert, begeht man … eine Begriffsverfehlung … Das bedeutet nicht, dass ein Israelkritiker nicht auch Antisemit sein kann. Aber wenn er es ist, muss man ihm das nachweisen können, etwa, wenn er ‹Juden› abstrahiert und alle Juden in Beschlag nimmt für seine israelkritische Argumentation.

Ist das der Fall bei Annie Ernaux? Wenn Josef Schuster das nicht nachweisen kann und dennoch auf die Verunglimpfung der Schriftstellerin beharrt, wird er sich sagen lassen müssen, dass er ob seiner Israelapologie (denn das ist es ja, was er mutatis mutandis betreibt) als zionistischer Faschist angesehen werden kann, dessen Argumentation der von in Israel parlamentarisch wie öffentlich agierenden Faschisten gleicht ...

Mit Antisemitismusbekämpfung haben die Praktiken von Josef Schuster und Gleichgesinnten nichts zu tun. Und wenn der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland meint, das literarische Werk der französischen Autorin nicht beurteilen zu können oder zu wollen, dann soll er lieber schweigen.»


Quelle: overton-magazin.de

Mit diesem Antisemitismusanwurf geht wohlgemerkt nicht nur eine völlig deplatzierte Verunglimpfung von Menschen einher. Es steckt viel mehr dahinter. Dies klingt auch in dem, was Zuckermann schreibt, schon durch: nämlich dass mit dem «Totschlagvorwurf», jemand oder eine Gruppse sei «antisemitisch» oder «rechts», Machtpolitik betrieben wird, die selbst faschistoide Züge aufweist und demokratische Strukturen (immer weiter) «zerhackstückt».

Ex-BILD-Chefredakteur Julian Reichtelt hat kürzlich auf diesen Punkt aufmerksam gemacht, und zwar in einem Video-Beitrag mit dem Titel «Die Regierung gibt nicht zu, was sie plant, aber es ist erschreckend!». Die Regierung wolle damit, so Reichelt, Folgendes erreichen:

«Wer nicht links ist, wer nicht linke Ansichten vertritt, soll sich nicht mehr trauen zu sprechen. Die Grünen geben diese Sprache vor. Und es geht hier nicht einfach um Worte. Es geht darum, über Sprache den Umbau der Gesellschaft voranzutreiben ... [Schon jetzt] fühlt sich Deutschland immer seltener an wie eine Demokratie.»


Quelle: Youtube-Kanal von Achtung, Reichelt!

Das Einzige, was man Reichelt meines Erachtens vorhalten muss, ist, dass er mit dem Begriff «links» unsauber umgeht. Denn das, was er mit «links» bezeichnet, hat mit «links» eigentlich gar nichts mehr am Hut – jedenfalls nicht, wenn man «links» als das definiert, wofür es vor nicht allzu langer Zeit mal stand: sich gegen Machtmissbrauch, gegen Korruption und Vetternwirtschaft, gegen Ausbeutung und das Auseinanderdriften von Arm und Reich oder auch gegen die Zerstörung demokratischer Strukturen und der Natur einzusetzen.

Dass auch die Grünen einst in diesem «Geiste» agierten, hatte ich ja vor Kurzem in meinem Newsletter «Als die Grünen systemkritisch und lustig waren» zum Thema gemacht.

Im Übrigen geht es letztlich auch gar nicht um «rechts» gegen «links», was auch immer diese Begriffe bedeuten mögen, sondern um (kleine Gruppe) oben gegen (die «Masse») unten ...

Alles Gute – trotz allem!

Torsten Engelbrecht

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